SO WEIT DAS AUGE REICHT

Serie von neun Zeichnungen, räumliche Intervention, Neonröhren, Chor, 2018

Die Arbeit ,So weit das Auge reicht‘ basiert auf einer theoretischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Blickes. Mit dem Blick ist ein Sehgeschehen gemeint, das einen Beziehungsmoment darstellt; er geht nicht von einem selbst, sondern von einem Anderen aus. In dem Sinne, dass ich erblickt werde und mich unter dieser Berührung nicht rühren kann. Das Erblickt-Werden muss dabei nicht von einem menschlichen Gegenüber herstammen; auch Bildern und Objekten fällt die Fähigkeit zu, ihre Betrachter selbst zu betreffen.

Orientiert an dem Entwurf ,Panopticon‘ von Jeremy Bentham, das Blickverhältnisse und – mächte in eine architektonische ,Blick-Maschine‘ übersetzt, untersuchen die Zeichnungen das Auge in der Baukunst. Unter der Voraussetzung, dass Architektur als eine Hülle des menschlichen Körpers zu verstehen ist, lassen die Modelle sich als Blicksituationen lesen; in ihren Strukturen, Perspektiven und Brüchen.

Der Reihenfolge nach:

1 – ,Panoptik‘, Graphit auf Papier, 100cm x 114cm, 2018

Die Zeichnung ist eine Weiterentwicklung von der Illustration, die 1791 entworfen wurde darin eine Variation des Panopticons von Jeremy Benthams verbildlicht.

2 – ,Fernnähe‘, Graphit auf Papier, 100cm x 147cm, 2018

Quadratura ist eine Zeichentechnik, in der ein Raster auf ein Original gelegt wird, um dieses auf einem neuen Träger zu vergrößern oder zu verzerren. Besonders im Barock fand diese Technik Anwendung in Form der illusionistischen Wandmalerei, bei der Bilder architektonischer Merkmale gemalt wurden, um die reale Architektur des Raumes in einen imaginären Raum hinaus zu erweitern.

3 – ,Zentralprojektion‘, Graphit auf Papier/Wand, 100cm x 138cm, 2018

Im ,Schema von Auge und Blick‘, das Jacques Lacan 1964 in seinem elften Seminar 11 beschreibt, verhandelt
er einen Sehprozess der über die „geometrale Sicht“ des Auges hinausgeht. Das Geometrale kommt in einem sinnbildlichen Vergleich der Zentralperspektive nahe, in der alles sich nach einem Punkt hin ausrichtet und in der alles verortbar zu sein scheint.

4 – ,Metrischer Raum‘, Graphit auf Papier, 100cm x 147cm, 2018

In der Mathematik umfasst ein metrischer Raum eine Menge, auf der eine Metrik (eine Funktion von zwei Elementen im Raum, denen ein Wert zugeordnet wird, der als Abstand zwischen ihnen­ gelten ­kann) definiert­ ist. In diesem Grundriss sind es zwei Vermessungsmethoden
– metrische und musikalische-,
die den Raum zugleich und dennoch vollkommen verschieden bestimmen.

5 – ,Planbau‘, Graphit auf Papier, 100cm x 152cm, 2018

Die Präsentation der Arbeit fand im „Weißen Haus“ statt, dem ehemaligen Universitätsbibliothek der Burg Giebichenstein, das nach Plattenbauweise erbaut wurde. Die Zeichnung untersucht sowohl die Räume, als auch ihre mögliche Gestaltung und Akustik.

6 – ,Sichtschutz‘, Graphit auf Papier, 100cm x 148cm, 2018

Ein unterirdischer Luftschutzbunker ist das absolute Versteck vor jeglicher Sichtbarkeit. Doch ist eine Sichtnahme zum eigenen Schutz gleichwohl notwendig. Die Zeichnung basiert auf entsprechenden Entwürfen von Kriegsarchitektur, die sich sowohl unter der Erde ansiedeln als auch das Aufstellen von „Inkognito-Sehtürmen“ an der Oberfläche ­vorsahen.­

7 – ,Landmarken‘, Graphit auf Papier, 100cm x 154cm, 2018

Kirchtürme sind ideale Festpunkte, die sich nicht nur dem Himmel nähern, sondern als Landmarker geographischer Vermessung dienen. Überragt werden sie meist noch von Sendemasten (oder beinhalten selbst welche), die aber eher als Zerstörer von Blickachsen gelten. Aus diesem Grund treten sie mitunter in der Gestalt von Bäumen auf, um sich so besser in die Landschaft einzufügen.

8 – ,Wächter‘, Graphit auf Papier/Wand, 100cm x 151cm, 2018

Jeder Leuchtturm trägt eine Befeuerungsanlage: das Leuchtfeuer. Mit seinem Licht sendet es Zeichen in die Nacht und macht sowohl sich selbst als auch seine Umgebung in diesem Rhythmus sichtbar.

9 – ,Feldtiefe‘, Graphit auf Papier, 100cm x 154cm, 2018

Der­ Begriff­ ist­ dem ,Schema von Auge und Blick‘ von Jacques Lacan entnommen. Hierzu: „Was Licht ist, blickt mich an. Dabei kommt etwas ins Spiel was beim geometralen Verhältnis elidiert wird – die Feldtiefe in ihrer ganzen Doppeldeutigkeit, Variabilität auch Unbeherrschbarkeit.“

Video/Tonaufnahme: Florian Schurz, Leipzig

Fotos: Stefan Ott, Halle (Saale)